Samstag, November 04, 2006

Der lange Weg nach Hong Kong

Der schon vielfach zitierte Lonely Planet, Shanghai (alte Auflage) empfahl neben dem gewöhnlichen Flug von Shanghai nach Hong Kong die Zugfahrt. [Bei den hiesigen Zügen werden, ganz anti-sozialistisch 5 Klassen unterschieden: ‚Hard Seater’ und ‚Soft Seater’, also harte beziehungsweise weiche Sitze, sowie ‚Hard Sleeper’ und ‚Soft Sleeper’, das sind jeweils 6er Abteile mit weichen bzw. harten Pritschen, wobei die Preisgestaltung innerhalb der ‚Sleeper’-Klassen vielschichtig ist: unten ist am billigsten, da derjenige nur sitzen kann, wenn der mittlere und teuerste Platz nicht schlafen will. Die höchste Pritsche liegt preislich dazwischen: Er kann nicht auf seiner Pritsche sitzen (ist damit also auf den untersten angewiesen) und hat aufgrund der Dachwölbung auch noch nur eingeschränkt Platz. ’Deluxe Soft Sleeper’-Kabine Dann gibt es noch den ‚Deluxe Soft Sleeper’: 2 Prischen auf Sitzflächenniveau, Pullman-mäßig quer zur Fahrtrichtung und zwar so, dass man auch noch im liegen während der Fahrt aus dem Fenster schauen kann.] Der Führer hat dann noch angemerkt, dass sich der ‚Deluxe Soft Sleeper’ preislich nicht wirklich vom Fliegen unterscheidet. Aber lieber gut gefahren als schlecht geflogen! Und als kleine i-Tüpfelchen sei angemerkt, das es in den Abteilen eine chinesische 220V Steckdose gibt. Dieses Detail ließ sich jedoch vor der Fahrt nicht eruieren!
Rückfahrkarte Der Check-in für die Abfahrt nach Hong Kong findet an einem besonders abgesicherten Bereich im Shanghaier Hauptbahnhof statt. Erst einmal Fahrkarte vorzeigen, dann Gepäck durchleuchten lassen, dann Ausreisezettel ausfüllen und durch die Passkontrolle. Bei Inlandsreisen würde jetzt die ‚Soft’- von der ‚Hard’-Klasse getrennt, nur nach Hong Kong müssen alle gleich in einem 20m langen, 5m breiten Schlauch von einem Raum mit Gepäckwagen, Gepäck und im Boden verankerten Stahl-Bänken vorlieb nehmen. Nach fast einer Stunde Wartezeit wurden die Gatter geöffnet und die eingepferchte Masse strömte auf den, natürlich besonders abgesperrten, Zug. Einsteigen durfte man immer nur an einer Seite des Wagons, die entsprechende Wagon-Nummer war deutlich angeschlagen, an jedem Eingang wachte eine Schaffnerin, dass die Reisenden auch ja nur in den richtigen Wagon einsteigen. Very British, stellte man sich einfach in die Wagon-spezifische Schlange und durfte dann ganz gesittet in sein Abteil.
Ich hatte gerade meinen Rechner hochgefahren, da kam die Schaffnerin und hat mein Papierticket gegen eine Plastikkarte getauscht, auf der Wagon-Nummer und Abteilnummer gedruckt sind, die aber keine weitere Funktion hat (Schlüssel etc.). Verriegelung der KabinentürDie Abteiltür kann man von außen nicht verschließen (dafür hätte man einen Innen-Vierkant-Schlüssel benötigt; ja, ich weiß, echte Globetrotter haben so etwas dabei, ich das nächste Mal auch! Ein wichtiges Detail, das in dem Guide fehlt?!), dafür jedoch von innen verriegeln. Frei nach dem KISS-(Keep It Simple, Stupid)-Prinzip.
Der Speisewagen (hier immer Wagon 11) ist wie ein Flash-Back in die 50er Jahre. Leider war in dem Wagen so viel Aussichtspersonal (mehr als für jeden Tisch einer!), dass ich nicht unbemerkt die Kamera zücken konnte. Die haben mich sowieso 1.) als bahnfahrende Langnase, 2.) Notebook unter dem Arm schleppenden Sonderling beäugt. Unbewacht wollte ich mein Arbeitsgerät aber auch nicht im Abteil liegen lassen.
Die Bahnfahrt an sich war unspektakulär: Die chinesische Landwirtschaft entlang der Strecke bestand aus kleinen und kleinsten Parzellen, in denen jeweils etwas anderes angebaut wurde. Immer wieder fanden sich kleine Bewässerungskanäle, sowie zahlreiche Bauern/Gärtner mit Blech-Gießkannen, die ihre Gewächse wässerten. Je mehr man in Richtung Hong Kong kam, desto sumpfiger und vom Wasser geprägt wurde die Landschaft, der Getreideanbau macht dem Reis und Geflügel (frei herumlaufend, Stallpflicht?!?) sowie Fisch-Zucht Platz. Anzeichen für eine Flurbereinungung mit großen Erdumwälzungen scheint entlang der Strecke noch nicht gegeben zu haben: Obstbäumreihen mäandern vor sich hin, die Felder haben Strukturen, die entfernt an Hundertwasser erinnern. Dazwischen gibt es immer wieder Städte mit z.T. sehr hohen Wohnblocks (>10 Etagen) und großen Hallen, zahllosen Erdöl-/Erdgas-Tanks sowie Bau-Unternehmungen in XXL mit unglaublich vielen Baumaschinen. Das Bild der Strecke gleicht einem Wechsel zwischen den Jahrhunderten.

1 Comments:

Blogger Katharina said...

Ich hab (peinlich?!) ersteinmal im Atlas geschaut wie weit die Strecke von Shanghai nach Hong Kong eigentlich ist. Die Entfernung ist für unsere Verhältnisse fast schon groß - auf dies riesige Land bezogen ja wohl eher ein Katzensprung. Als begeisteter Fenstergucker und Bahnfahrer kann man echt neidisch werden. Ich hoffe Du hast auch ein paar Fotos für Hamburger Landeier von den Landschaften gemacht.

1:21 nachm.  

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