Sonntag, Oktober 22, 2006

Maglev oder der Magnet für Deutsche Technikfreaks

Die Magnetschwebebahn ist in der realen Welt angekommen und zwar hier in Shanghai.Maglev Shanghai Es gibt sogar eine kleine, kostenfreie(!) Technikausstellung zur Geschichte der Magnetschwebebahn. Für den deutschen Steuerzahler ist dort die gesamte Ohnmacht des Projektes in einem kleinen Film dokumentiert. Hier die Eckpunkte: Seit 1969 wird das Projekt gefördert. Neben anfänglichen Versuchen, auf geraden Kurzstecken zu belegen, dass 400+km/h möglich sind, wurde 1971 ein Dummy gebaut, der ähnlich einer Ro-Ro-Fähre, die Schnauze aufklappen kann um 2 See-Container nebeneinander transportieren zu können(!!!). Die Idee des Fracht-Transportes wurde dann aber fallen gelassen und von dort an wurden die Modelle immer flacher und kleiner. 1979 auf der IAA in Hamburg wurde ein Demonstrator, also eine wirklich fahrende Magnetschwebebahn aufgebaut (und nach der Messer wieder abgerissen, Hurra!). Ich habe mich damals für 2,5h in die Schlange eingereiht und bin mit dem Teil gefahren. Es war der Transrapid 05. Danach wurde die Nummerierung aufgegeben. 1980 wurde die Strecke im Emsland gebaut und die Entwicklung der Technologie wird bis heute gefördert und gefördert. Am 31.12.2002 ging die Strecke in Shanghai in Betrieb. Eigentlich sollte die Bahn den Pudong International Airport mit der Innenstadt von Shanghai verbinden. Dass der Begriff Innenstadt hier etwas weiter gefasst wird, als üblich sieht man an der Lage der Endstation. Kommt man am Flughafen an, machen einem ein paar chinesische Sirenen Maglev Sirenen, Pudong Airport auf den Maglev mit dem Singsang ‚Maglev, yes, yes , yes’ aufmerksam. Leider haben sie bemerkt, dass ich sie dabei filmen wollte und sind immer dann augenblicklich verstummt, wenn ich freien Blick auf sie hatte. Somit gibt es hier nur ein konventionelles Foto zu sehen.
Man muss mit seinem Gepäck dann in ein Zwischenstockwerk—nach oben, es gibt sogar an einer Stelle eine Rolltreppe (natürlich nicht dort wo die Sirenen die ‚International Arrivals’ besingen), auf der die Trolleys natürlich nicht mit transportiert werden dürfen. Dann geht es ca. 500m in Richtung Maglev, mit insgesamt 3 Laufbändern, die allesamt abgeschaltet waren. Ich habe sie dennoch benutzt, da der Restliche Raum des Übergangs von Chinesen blockiert wurde. Dann ist es ganz einfach: Anstehen und Ticket kaufen, anstehen und Gepäckkontrolle(!!), anstehen bis zur Freigabe der Rollstreppe auf die Stations-Plattform, anstehen bis man in den Zug darf, Sturm auf die Sitzplätze. Der ganz normale chinesische Wahnsinn. An der Endstation geht es dann die Treppe oder die eine Rolltreppe hinunter (da flogen heute die Koffer!). Immerhin ist dann die Linie 2 der Metro gut zu erreichen. Maglev Shanghai Bis man dort auf der Plattform ist gibt es natürlich wieder anstehen Ticket kaufen, anstehen durch die Barriere und die Treppen hinunter zum Zug. Mit meinem Gepäck möchte ich den Langen Weg und die vielen Treppen, keine Rolltreppen, an dieser Umsteigestation nicht meistern müssen. Das denken sich die meisten Reisenden auch und nehmen, wenn sie denn schon Maglev fahren müssen (also alle technikbegeisterten Deutschen, die das erste Mal in Shanghai sind und vorher keinen Führer gelesen haben, der sie gewarnt hat), nehmen die meisten ein Taxi in die Stadt. Preislich gestaltet sich das dann so: EUR4 für die Maglev (mit Flugticket des gleichen Tages), EUR10 für die Weiterfahrt mit dem Taxi. Business-Model hin oder her, das Taxi von Pudong International Airport in die Stadt kostet EUR14 und man spart sich das Tragen zur Maglev-Station am Flughafen hinauf (ohne Rolltreppe) und das Umsteigen an der Endstation. Kein Wunder, das in den Zügen kaum Reisende anzutreffen sind. Das heißt natürlich nicht, dass die Züge leer sind: Sie haben schon eine Jahrmarkt-ähnliche Anziehungskraft auf Deutsche und Chinesen, die sich für die 7min der Fahrt in kleine Japaner verwandeln, die alles fotografieren müssen…
Auf der Fahrkarte für die Strecke vom Pudong International Airport zur Maglev-Station Shanghai ist für die ganz ungläubigen auch Rückseite Maglev Fahrkarte Pudong-Shanghai City noch das unglaubliche Strecken-Netz des Maglevs gedruckt (siehe unten auf dem Ticket). Immerhin ist die ‚Grüne Linie’, also die Linie 2 auf dieser Karte auch in der richtigen Farbe angegeben (auf der Karte für die andere Richtung nämlich nicht!?!)!
Aufgrund des Photomosaiks der Satellitenbilder, kann man beim Verfolgen der Trasse, sowohl einen Abschnitt der sich noch im Bau befindet, als auch fahrende Züge bzw. hier finden. Schon wenn man auf der Autobahn die Trasse verfolgt, fällt einem die weit reichende Absperrung der Trasse ins Auge: Rechts und links gibt es jeweils noch eine 1,5 spurige ‚Access-Road’, so dass die Maglev-Trasse dann ungefähr so breit wie eine 4spurige Autobahn incl. Infrastruktur ist.
Doch nach diesen kritischen Worten soll der Ingenieur in mir zu Worte kommen: 431km/h im  Maglev Es ist schon unbeschreiblich, wie man mit Tempo 300+km/h an den Fahrzeugen auf der Autobahn vorbeirauscht, die scheinen alle nicht so richtig vorwärts zu fahren. Aber bei 275km/h fängt der Zug an zu vibrieren. Bei Tempo 400+km/h erkennt man dann auch die Grenzen der Technik: der ganze Zug beginnt an zu wackeln und man kommt sich eher wie in einer Drei-Rad-Motor-Rikscha vor, oder eben einem ICE-3 bei 280km/h. Das hat mit entspannt Reisen nichts mehr zu tun, ist aber schon sehr beeindrucken.
Zuerst dachte ich die Strecke wird im Linksverkehr befahren, aber dem ist nicht so: Auf den beiden fast immer parallel verlaufenden Trassen (meist auf Einzelträgern gestellt) fährt ein Zug immer auf der rechten, der andere auf der Linken im Pendelbetrieb. Somit ist es auch kein Wunder, dass die Weichen vor den Stationen so merkwürdig vergammelt aussahen…
Nach der Fahrt habe ich mir dann im ‚Shop’ noch ein Modell des Maglev in 1:180 gekauft. Wie bei Modellen üblich gab es hier neben den beiden Triebwagen nur einen ‚normalen Wagen’ (Hallo Sean!). Die real fahrenden Züge bestehen aus 5 Wagen, also 2 Triebwagen und 3 ‚Normalen’. Noch habe ich mich zurückhalten können nicht 3 Sätze zu kaufen. Gibt es Interessenten für ein Triebwagengespann in 1:180?

2 Comments:

Blogger Joachim said...

Was ja wirklich schön ist...das man jeden Morgen was neues zu lachen hat wenn man Deinen Blog aufmacht! Aber Du hast Dich ja selbst auch in einen kleinen (!!) Japaner verwandelt um alles zu fotografieren. Ich hatte mich schon gefragt wann Du endlich nach der Vorankündigung des Sirenengesanges der Versuchung erliegen würdest (und natürlich darüber berichten)...die Sirenen hatte ich mir nach Deiner Primärschilderung aber irgendwie attraktiver vorgestellt.

8:38 vorm.  
Blogger mj said...

Ich kann ja noch einmal bei besserem Wetter hinfahren und schauen, ob es da, wie bei den Sitzplätzen im Maglev auch, eine VIP-Ausführung gibt. Vielleicht sind die Drei (bei meine Ankunft waren es Vier) aber auch schon die VIP Ausführung, denn bei den 'National Arrivals' gab es nur eine Sirene!

5:50 nachm.  

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